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Keks-Ersatz ist genauso ekelhaft

Junge freundliche Frau mit großem Messer - Foto von Valeria Boltneva bei Pexels.

Zeit für einen klaren Schnitt, liebe Online-Marketingbranche. Auch wenn’s wehtut.

Warum? Na deshalb: Im Online-Marketing herrschten lange herrliche Zeiten – zumindest aus Sicht der Werbetreibenden: Man konnte jahrzehntelang mittels Cookies nach Lust und Laune Seitenbesucher tracken, ihre Vorlieben ausspähen, sie mit Werbung quasi überallhin verfolgen und nach Herzenslust Daten über sie sammeln, diese verkaufen und allerlei lustige andere Sachen damit machen. Eine Recherche zu meinen eigenen Daten, die sich ein Möbelhaus online widerrechtlich von mir gezogen hatte, ergab zum Beispiel, dass diese persönlichen Informationen es ohne mein Wissen über gut zehn Stationen bis zu einem schottischen Adressverkäufer geschafft hatten. Das war und ist ein lohnendes Geschäft. Aber dann kam die DSGVO und am Horizont dräut noch weiteres Unheil namens ePrivacy-Verordnung.

Wie groß war das Heulen und Zähneklappern in der Branche, als nun der Gesetzgeber nicht nur dazu zwang, das Einverständnis einer Person dazu einzuholen, dass die sich ausspähen lässt, viel schlimmer noch: Es droht sogar ein generelles Aussterben Cookies, die das Ganze möglich machen, und das nicht nur wegen der Cookie-Banner, die viele rechtswidrig so gestalten, dass es viel bequemer ist, allem zuzustimmen als die Tracking-Dateien abzulehnen. Denn die großen Browseranbieter gehen dazu über, Cookies per Standardeinstellung gar nicht erst zuzulassen. Die machen das übrigens keineswegs aus reiner Gutherzigkeit. Zumindest Branchenprimus Google möchte sich mit eigenen Technologien wohl eher seine Hoheit über das Online-Anzeigengeschäft sichern.

Das losbrechende Wehklagen in der Industrie über diesen sich abzeichnenden Verlust an Spionagemitteln wurde bisweilen geradezu bizarr, prangerte man doch an, dass man dadurch ja seine Lebensgrundlage einbüßen würde. Mal ehrlich: Das ist in etwa mit einem wütenden Protest der Einbrechervereinigung zu vergleichen, die sich gegen die Einführung von Schlössern an Wohnungstüren stark macht. Aber die Branche ist ja erfindungsreich und versucht inzwischen neue Tricks. So hat die SüddeutscheZeitung einen durchaus erhellenden Artikel dazu verfasst, wie neuerdings nicht mehr Cookies, sondern E-Mail- oder IP-Adressen genutzt werden, um Website-Besucher zu tracken, mithin erneut ohne ihr Wissen auszuspähen:

https://www.linkedin.com/embeds/publishingEmbed.html?articleId=8239283507617875349

Das – aus meiner Sicht – Unfassbare an diesem Sachverhalt ist nicht etwa die Chuzpe, mit der damit versucht wird, das Ende der Cookies durch eine andere Technologie zu ersetzen. Ich empfinde es als unglaublich, dass die Branche offensichtlich nicht in der Lage ist, den Willen des Gesetzgebers und der großen Mehrheit der Webbenutzer zu respektieren, über die Preisgabe von Informationen grundlegend selbst entscheiden zu dürfen. Ein Geschäftsmodell, das auf dem Ausspähen von Menschen basiert, ist ethisch dann doch etwas schief, wie ich meine.

Meiner Ansicht nach lässt sich ein gutes Produkt auch dann gut verkaufen, wenn man sich informationstechnisch nicht aufführt wie ein Raubritter: zumal man davon ausgehen kann, dass die meisten Webnutzer solche Ersatztechnologien nicht nur nicht gutheißen werden, sondern auch empfindlich auf deren Anwendung reagieren dürften. Zum Beispiel durch das bewusste Kappen der Geschäftsbeziehungen zu den Webanbietern, die glauben, sich immer noch Freiheiten herausnehmen zu dürfen, die nicht dem klar erkennbarem Willen der potenziellen Kunden entsprechen.

Als vertrauenswürdiger Partner der eigenen Kunden kommt man meines Erachtens deutlich weiter. Ausspähen schafft aber sicher kein Vertrauen.

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