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Sprache braucht Polarität. Nicht nur Zuckerguss.

Batterien gestapelt

Was ist eine Batterie ohne Minuspol? Genau: keine Batterie. Kein Energieträger. Die Polaritäten sind bei Batterien ebenso essenziell für die Funktion wie in der Sprache. Womit wir zum Thema kommen: Mir geht das unbedingte Vermeiden negativer Begriffe und Ausdrücke auf die Nerven. Was dabei in der Regel nämlich herauskommt ist verbaler Zuckerguss. Der soll vordergründig für gute Stimmung sorgen, ist in letzter Konsequenz aber eher dazu gedacht, Realitäten zu verschleiern oder bittere Medizin leichter schluckbar zu machen. Schon Paul Simon hat das ironisch in seinem Song “50 ways to leave your lover” aufgegriffen: “I’d like to help you in your struggle to be free” – jemandem als Begründung fürs Verlassen zu sagen “Ich möchte Dich mit meinem Tun in Deinem Streben nach Freiheit unterstützen”, das ist schon wirklich zynisch.
Die Wahrnehmung der Realität kommt nicht ohne eine jeweils individuelle Bewertung aus – die Wirklichkeit ist immer subjektiv in der Wahrnehmung des Einzelnen. Wer nicht entlassen, sondern „freigesetzt“ wird, kommt sich von solch einem Ausdruck zusätzlich verschaukelt vor. Das fördert nicht unbedingt die fröhliche Stimmung beim Entlassenen, sondern verschlechtert sie zusätzlich – und das meines Erachtens völlig zu Recht. Denn dadurch fühlt man sich als frisch arbeitslos Gewordene*r nicht ernst genommen mit der eigenen Wahrnehmung der Dinge.

Wer versucht, diese individuelle, subjektive Bewertung durch scheinheilige Sprache zu verbrämen, wird damit auf Dauer nicht durchkommen. Eine auf Gedeih und Verderb positiv getrimmte Sprache ist nicht wirksam, weil sie schnell falsche Inhalte suggeriert, und das fördert eher Misstrauen gegen ihre Botschaft.

Natürlich soll dies nun kein Fanal gegen die positive Sprache sein: Da, wo es Erfreuliches zu erzählen gibt, darf auch der Ton dazu passen. Und gerade dann, wenn es mal nicht ganz so schön zugeht, man aber eine Lösung für ein Problem an der Hand hat, ist es doch eigentlich Unfug, dieses Problem positivistisch kleinzureden: Ein eben gekaufter Gebrauchtwagen, der Öl verliert, “schwitzt nicht etwas”, sondern ist eine Sauerei, die in der Regel auf schlechte Wartung und / oder defekte Teile zurückzuführen ist. Dieses Problem will man schon wegen der hässlichen Flecken unterm Auto möglichst zügig loswerden. Nichts anderes will doch der verantwortungsbewusste Autobesitzer: sein Problem “leckende Ölwanne” endlich erledigt haben. Und keine beschönigenden Geschichten vom Gebrauchtwagenhändler hören, dass dies normal bzw. eine kleine technische Unschärfe sei.

Wer Geld verlangt für die Lösung eines Problems, darf das auch deutlich sagen – und muss so klug sein, die Vorteile gegen den zu zahlenden Betrag aufzuzählen.
Wer Zeit braucht und keine Sofortlösung zu bieten, dafür aber wirksame Methoden an der Hand hat, darf das ruhig sagen und erklären, warum Erfolg gelegentlich einfach Zeit benötigt.
Schließlich währt ehrlich immer noch am längsten. Ehrlich, nicht Erich.

Foto von Hilary Halliwell @Pexels

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